Freitag, 29 Juli 2016
Ein Gespräch mit Georg Uecker
„Ich weiß seit 25 Jahren, dass ich HIV-positiv bin und fühle mich topfit, bin voller Lebenslust und Energie“

Die „Lindenstraße“ war von Anfang an in vielerlei Hinsicht Vorreiter und scheute keine Tabus. Carsten Flöter, den Georg Uecker seit der 6. Folge (Januar 1986) in der ARD- Serie verkörpert, ist eine der Figuren, die am meisten polarisieren. Flöter lebt seine Homosexualität offen und selbstbewusst aus, machte 1987 mit dem legendären Schwulenkuss (mit Günter Barton als „Gerd Weinbauer“) und 1990 mit dem gleichgeschlechtlichen Liebesakt (mit Martin Armknecht als „Robert Engel“) Schlagzeilen, adoptierte später mit seinem Lebensgefährten „Käthe“ einen HIV-positiven Jungen, den er als Dr. Flöter auch behandelte …
Georg Uecker machte nie einen Hehl  daraus, dass er schwul ist. Aber nun erzählte er zum ersten  Mal, dass er HIV-positiv ist und das seit 25 Jahren weiß. – Ein  Gespräch mit dem 53-jährigen.
 
Herr Uecker, was hat Sie zu dem Schritt bewogen, sich jetzt zu outen, dass Sie HIV-positiv sind?

Georg Uecker: Die Gerüchteküche brodelt ja schon seit mindestens zehn Jahren und wurde dadurch ausgelöst, dass ich eine Zeitlang sehr hager war. Meine Familie und enge Freunde wissen, dass ich HIV-positiv bin, aber ich hatte nie Lust oder das Bedürfnis, mich öffentlich erklären zu müssen, schon gar nicht zu einer Zeit, in der absurde Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen ein Maß angenommen hatten, bei dem ich nur noch hätte reagieren und dementieren können. Jetzt war für mich der Zeitpunkt gekommen, an dem es für mich stimmig war, in einem Interview offen darüber zu sprechen. Dank der Pharmaindustrie, der medizinischen Fortschritte, einer guten Physis und sicherlich auch Glück war und bin ich jedoch nicht krank. Ich fühle mich topfit und bin voller Lebenslust und Energie, obwohl ich vielleicht nicht immer so aussehe. Das liegt allerdings an den Nebeneffekten der Medikamente, die ich täglich präventiv einnehmen muss. Man muss darauf achten, sie in der richtigen  Kombination zu nehmen. Aber dafür ist das HIV-Virus in meinem Körper auch nicht mehr nachweisbar. Kürzlich habe ich die Medikamente umgestellt und prompt 20 Kilos zugenommen. Davon habe ich zum Glück jetzt wieder einige runter.
 
Wussten die Kollegen der „Lindenstraße“ Bescheid?

Georg Uecker: Einige schon lange, aber ich habe es nicht  allen erzählt, zumal man viele Kollegen oft monatelang nicht sieht. Und man dreht ja selten mit dem gesamten Ensemble, sondern meistens immer mit den gleichen Kollegen. Ich sah und sehe aber auch keine Notwendigkeit darin, es an die große Glocke zu hängen. Hans W. Geißendörfer und Hana Geißendörfer wussten natürlich Bescheid.
 
Sie waren 29 Jahre alt, als Sie von der Diagnose erfuhren. Wie haben Sie reagiert?

Georg Uecker: Ich hatte anfangs Angst, glaubte, nicht mehr viel Zeit zu haben und habe wahnsinnig viel gearbeitet. Nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Redakteur, Moderator, Spielleiter und Producer. Ich habe mich dann mit der Zeit daran gewöhnt, diese Tatsache anzunehmen. Vieles ist eine Frage der Lebenseinstellung. Ich bin ein positiver Mensch, unglaublich neugierig, voller Lebenslust und jetzt sicher einer der prominentesten „Longtime-Survivor“, der sich outet, HIV-positiv zu sein.
 
Das Thema „HIV“ wurde vor 16 Jahren in der  „Lindenstraße“ thematisiert. Ihre Figur Carsten  Flöter adoptierte mit seinem Partner „Käthe“ den HIV-positiven Jungen Felix. Als Arzt behandelte Flöter ihn auch, erklärte ihm die medizinischen Fortschritte und die Medikamente. Konnten Sie Ihre privaten Erfahrungen damals einbringen und haben sich dabei für Sie möglicherweise Realität und Fiktion miteinander vermischt?

Georg Uecker: Nicht wirklich. Für mich als Schauspieler ist es einerseits wichtig, Fiktion und Realität zu trennen, aber andererseits auch sensibel genug zu sein, private Erfahrungen und Empfindungen mit einfließen zu lassen. Dieser Balanceakt war bei der Geschichte mit Felix nicht anders als bei anderen Handlungssträngen. Mit einem Unterschied: Die Grundidee der Felix-Story entspringt einer realen Begegnung, die ich vor vielen Jahren hatte. Ich traf ein schwules Paar, das mehrere HIV-positive Kinder in Pflegschaft hatte und sich aufopferungsvoll um diese kümmerte. Von amtlicher Seite hatte man den beiden klar zu erkennen gegeben, dass man ihnen andere Kinder nicht anvertrauen würde, aber um die positiven könnten sie sich gerne kümmern. Ich war über diese unfassbar zynische Haltung zutiefst empört und erzählte Hans W. Geißendörfer davon. So entstand die Geschichte um den Jungen Felix, aber weiteren Einfluss habe ich dann nicht mehr darauf genommen. Schließlich haben wir in der „Lindenstraße“ sehr gute Drehbuchautoren.

Das Gespräch führte Gitta Deutz

 

Statements der Produzenten:

Hans W. Geißendörfer:
„Georg Uecker hat mir schon vor vielen Jahren berichtet, dass er HIV-positiv ist. Er hat sein Leben und Arbeiten mit diesem Wissen sehr diszipliniert organisiert und wird dies auch weiterhin tun. HIV+ ist für ihn wie für einen Kurzsichtigen die Brille – also Alltag. Es geht null Gefahr von ihm aus. Ich wünsche mir, dass er der „Lindenstraße“ noch lange dienen kann. Darüber hinaus ist er einer meiner besten Freunde.“

Hana Geißendörfer:
"HIV+ oder nicht, Georg ist Georg! Privat wie beruflich bin ich dankbar, ihn in meinem Leben zu haben, denn er ist ein Vorbild und Kämpfer, wie es nur wenige seinesgleichen gibt."